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Die Erfindung der Fotografie1. Einführung
Es waren vier Forscher denen man die Erfindung
der Fotografie zusprechen kann: Niépce, Daguerre, Fox Talbot und Bayard.
Jeder einzelne von ihnen war für den Fortschritt der Fotografie von
Bedeutung.
1.1. Joseph Nicéphore
Niépce
Joseph Nicéphore Niépce wurde 1765
in Chalon-sur-Saône geboren.
Ab dem Jahr 1801 widmete er sich, gemeinsam mit
seinen Bruder Claude (1763-1828), verschiedenen technischen Projekten. Eines
davon war die Konstruktion einer Maschine für den Antrieb von kleineren
Schiffen, ein Verbrennungsmotor, "Pyréolophore" genannt.
Gegen 1812 begannen sich die Brüder
Niépce mit der Lithographie zu beschäftigen. Das größte
Problem war, daß die geeigneten Steine nur in einigen bayerischen
Steinbrüchen vorhanden waren. Niépce suchte nach Unabhängigkeit
von diesem Material, also auch nach der chemischen Bearbeitungsmöglichkeit
von Trägerschichten. Er überzog Steine mit Firnis, ätzte
Zeichnungen, doch die Steine erwiesen sich als ungeeignet. Er wechselte zu
Metall, vor allem zu Zinn, und beschichtete diese Platten mit verschiedenen
lichtempfindlichen Stoffen, so auch mit Chlorsilber, doch blieben die Versuche,
seine Zeichnungen zu ätzen, vergeblich. Es ging Niépce zunächst
immer nur um Druckplatten. Niépce besaß kein zeichnerisches Talent,
also war er gezwungen Bilder anders als mit der Hand herzustellen. So griff er
wieder zur Camera obscura. Einem Werk über Chemie entnahm er, daß
Guajakharz im Licht verfärbt. 1816 gelang es ihm, so etwas wie ein Bild zu
erzeugen, doch es war unfixierbar.
Nach einigen erfolglosen Versuchen, versuchte er
es mit Asphalt. Niépce löste den Asphalt in Lavendelöl auf,
überzog damit eine Glasplatte, dann eine polierte Zinklatte, dann eine
polierte Zinkplatte, firnißte schließlich einen Kupferstich, um ihn
transparent zu machen, und legte diesen mit der Bildseite nach unten, auf die
Platte. Dem Licht ausgesetzt, zeigte sich eine unerwartet Erscheinung: die
weißen Stellen ließen das Licht durch, wodurch der darunter liegende
Asphalt gebleicht, chemisch verändert und gehärtet wurde, während
die schwarzen Bildteile das Licht abwiesen bzw. absorbierten. Der
darunterliegende unbelichtete Asphalt blieb weich und in Terpentin oder
Steinöl lösbar. Mit warmen Wasser ausgewaschen, zeigte sich das Bild
auf der Platte. Dieses Bild nannte er "Helio-graphie".
1822 gelang es ihm, auf diese Weise die direkte
Kopie eines Kupferstichs auf eine Glasplatte zu
übertragen.
1826 gelang ihm der Porträtstich des
Kardinals d 'Amboise, ein bekanntes erstes Dokument der fotografischen Technik.
Dies galt allerdings noch nicht eindeutig als "Fotografie".
Niépce stellte sich nun 3 kleine
"Kameras" her, in denen er Sammellinsen einsetzte, welche er zur Verkleinerung
der Öffnung gleich mit seiner vielleicht genialsten Erfindung, einer
Irisblende, versah. Diese Konstruktion wird heute noch gebraucht. Sie besteht
aus kreisförmig angeordnet, halbmodartigen Metallplättchen. Sie
öffnet und schließt stufenlos, regelt also die einfallende Lichtmenge
nach Bedarf und ergibt abgeblendet, d.h. mit kleinster Öffnung, ein
wesentlich schärferes Bild als mit voller Öffnung.
1826 gelang Niépce die erste Aufnahme,
die man als Fotografie bezeichnen konnte. Erstellte seine Camera obscura an das
Fenster seines Wohnhauses, belichtete die Asphaltplatte etwa 8 Stunden lang und
fand dann den Hof des Familienbesitzes "Les Gras" etwas verschwommen zwar, aber
vollständig und deutlich abgebildet.
Im September 1827 kam es zur ersten Begegnung
zwischen Niépce und J. M. Daguerre in Paris. Daguerre bat sich an, an der
Verbesserung der Kameratechnik mitzuwirken.
Niépce starb am 5. Juli 1833 verbittert,
erfolglos und in tiefster finanzieller Not, da alle seine Bemühungen
fehlgeschlagen waren, seine Erfindungen der Londoner Royal Society vorzulegen.
Dennoch war er der erste, der eine fotografische Aufnahme in der Kamera zustande
gebracht hat.
1.2. Louis Jacques Mandé
Daguerre (1787-1851)
Daguerre wurde 1787 in Corneilles-en-Parisis
geboren.
Er bewies Talent zum Zeichnen, wurde
Dekorationsmaler und verstand sich besonders aufs Malen von Panoramen, was ihm
vor allem in Theatern Beschäftigung brachte. Ein Erfolg war seine Idee, mit
raffinierten Beleuchtungs- und Projektionseffekten ein Lichtspieltheater zu
gründen. Dessen Besonderheit war eine beidseitig bemalte Leinwand, die je
nach Auflich oder Durchlicht sehr verschiedene Wirkungen zeigte. Diese Technik
legte die Beschäftigung mit der Camera obscura nahe.
1824 bemühte er sich zum ersten mal um eine
Bildaufzeichnung mit lichtempfindlichen Stoffen.
1826 wandte er sich mit einem Brief an
Niépce. Dieser war zuerst sehr vorsichtig und holte erst Informationen
ein, die jedoch sehr positiv ausfielen, da Daguerre in Paris ein gutes Ansehen
hatte. 1827 trafen die beiden zusammen, Niépce war sehr beeindruckt und
bald darauf kam es zu einem Abschluß eines Vertrags.
Es zeigte sich, daß Daguerre von
unrichtigen Voraussetzungen ausgegangen war; er war der Meinung, daß
Leuchtstoffe wie Bologneser Spat, das erfolgsversprechendste Material sein
müßten, da diese seiner Meinung nach das Licht doch am besten
festhielten.
Daguerre arbeitete sehr fleißig, um
tatsächlich vertragsgemäß Verbesserungen einzubringen. Als er
dann durch einen Zufall die Lichtempfindlichkeit von Jodsilber fand, was er
Niépce auch am 21. Mai 1931 brieflich mitteilte. Doch diese Mitteilung
kam zu spät für Niépce. Daguerres Erfindung machte als
"Daguerreotypie" Weltgeschichte. Allerdings gelang ihm der wichtigste Schritt
erst 1837: und zwar eine Aufnahme in der Kamera herzustellen, diese
Jodsilberplatte dann in Quecksilberdampf zu entwickeln und in warmer
Kochsalzlösung zu fixieren. Damit erst war das Verfahren
festgelegt.
1.2.1. Die
Daguerreotypie
Ist ein dreiteiliger Prozeß vom
Lichtempfindlichmachen einer polierten Silber- oder versilberten Platte durch
das Aufdampfen einer Jodschicht, dann dem nachfolgenden belichten in der Kamera
und schließlich dem Fixieren, indem die Platte in einem Kästchen
Quecksilberdämpfen ausgesetzt wird. Dieser Prozeß schuf ein
hell-dunkles Lichtbild auf Metall, eine Bildaufzeichnung, die eine feine zart
abgestufte Halbtonwirkung besitzt.
Daguerre wandte sich an den Physiker Dominique
Francois Arago und weihte ihn in alle Geheimnisse ein. Am 7. Jänner 1839
trat Arago an die Akademie der Wissenschaften heran, teilte die Erfindung
Daguerre und Niépce mit und empfahl der Regierung den Ankauf, um sie als
Geschenk der Nation der Welt zu übergeben. Eine Kommission, der auch
Alexander Humboldt angehörte, hatte mehrere Fragen zu
erheben:
1.
Ob das Verfahren unbestritten eine Erfindung sei,
2.
Ob diese Erfahrung der Altertumskunde und den Schönen Künsten Dienste
von Wert zu erweise imstande sei,
3.
Ob sie von allgemeinem Nutzen sei,
4.
Ob aus ihr die Wissenschaft Vorteile ziehen werde
Die Fragen wurden mit einem klaren Ja
Beantwortet. danach wurde der Bericht fertiggestellt, jedoch enthielt er eine
Schwäche: die Ungerechtigkeit Niépce gegenüber, dem nichts
anderes zugebilligt wurde, als "lediglich Silhouetten" hergestellt zu
haben.
Dies wurde inzwischen längst korrigiert und
zwar am 30. Juli 1839.
Nachdem die Daguerreotypie veröffentlicht
wurde brach ein Sturm los. Der Entschluß der französischen Regierung,
die Erfindung unbeschränkt für jeden zur Verfügung zu stellen,
verursachte ein gewaltiges Interesse an der Kamera und deren
Ausrüstung.
"Le Daguerréotype" wurde der Apparat
genannt, ein rechteckiger Kasten mit einer periskopischen Linse 1:10 und einer
nicht verstellbaren Blende von 29 mm.
Die Begeisterung der Welt, aber auch
höchste Auszeichnungen – wie die Ernennung zum Offizier der
Ehrenlegion und die Aufnahme in die Akademien – brachten ihm alle
denkbaren Ehren ein.
Interessenten kamen von überall her wie zum
Beispiel der Berliner Verleger L. Sachse, der sich ein Monopol für
Deutschland sichern wollte. Sogar Wien leistete seinen Beitrag durch Hofrat
Andreas Ettingshausen, Professor für Physik an der Wiener Universität,
der sofort begann Forschung über Nutzung und Verbesserung in Angriff zu
nehmen. Dies führte zu Wiens hervorragender Leistung wie die Berechnungen
Petzvals für ein lichtstarkes Objektiv oder zu den Tätigkeiten der
Hof- und Staatsdruckerei sowie zu der späteren Graphischen Lehr- und
Versuchsanstalt und nicht zu letzt zu dem grundlegenden Schritt der
fotografischen Druckverfahren durch den Professor der Anatomie Joseph
Berres.
Am Anfang wurde nicht bedacht, daß Jod-
und Quecksilberdämpfe äußerst schädlich und giftig waren.
Es wurde überall fanatisch damit begonnen zu "daguerreskopieren". Die
langen Belichtungszeiten erforderten bei Portraits von den abzubildenden Opfern
eine beträchtliche Selbstbeherrschung. Man bestaubte das Gesicht mit
weißem Puder um die Kontraste zu schaffen und spannte den Kopf in ein
Schraubgestell. Die Ateliers waren so eingerichtet, daß die Person so hoch
wie möglich und ganz nahe unter dem Glasdach saß, was mit
beträchtlichen Hitzeproblemen für die Betroffenen verbunden
war.
Überall auf der Welt entstanden
professionelle Ateliers: 1839 durch Draper und Morse in Amerika, 1840 durch
Beard und Claudet in London, Davidson in Edinburgh, ebenso aber auch in Paris,
Wien oder Berlin.
Eine leichte Verbesserung gelang Claudet 1841,
die Verkürzung der Porträtsitzung von 15 auf 5 Minuten durch das
zusätzliche Aufbringen von Chlordämpfen auf die Jodschicht, was die
Empfindlichkeit der Platte tatsächlich erhöhte. Ebenfalls noch 1840/41
waren es die Brüder Natterer in Wien, die Jod, Brom und Chlor zu einer weit
aus empfindlicheren Beschichtung brachten. Dies war ein Weg die Mängel der
Daguerreotypie zu verändern. Der andere bestand in der Verbesserung der
Lichtstärke der Optik.
Andreas von Ettingshausen, der vom
österreichischen Staatskanzler zur Publikation der Daguerreotypie nach
Paris gesandt wurde, erkannte sofort, daß die eigentliche Schwäche in
der minderwertigen Leistung der Linse, einem simplen Achromaten von 380 mm
Brennweite und Lichtstärke 17 – lag. Nach einem Gespräch mit
Checalier in Paris, das ohne Erfolg verlief, wandte er sich in Wien an Dr. Josef
von Petzval, Professor für Physik und Mathematik am k.k. Polytechnischen
Institut in Wien, um für sein neues Vorhaben (die
wissenschaftlich-mathematische Berechnung eines Linsensystems) zu
gewinnen.
Die Berechnung die Petzval in völlig neue
Gebiete der Optik führten, dauerten mehrere Monate und waren Anfang 1840
abgeschlossen, Die Belichtungszeit betrug damit statt 15 Minuten 45 Sekunden,
und damit stand der Fotografie von da an ein völliges Neuland
offen.
1.3. Hippolyte Bayard (1801 –
1887)
Hippolyte Bayard ist von seiner Heimatstadt
Breteuil-sur Noye (Oise) nach Paris gezogen und arbeitete dort als Staatsbeamter
und Jurist im Finanzministerium. Er lebte bescheiden und
zurückgezogen.
Daguerre hatte sich mit dem Lichtbild auf einer
Metallplatte beschäftigt, und Bayard experimentierte ausschließlich
mit lichtempfindlich gemachten Papieren. Dabei war er zu folgender Methode
gekommen: Er überzog Papier mit Chlorsilber und ließ es in der Sonne
so schwarz wie möglich werden. Dann ließ er dieses geschwärzte
Papier auf einer Lösung von Jodkalium schwimmen, brachte es in die Kamera
und belichtete es. Der Lichteinfall schwärzte nun nicht, sondern bleichte,
wodurch er direkt ein positives Bild erhielt. Am 24. Juni 1839 stellte Bayard in
der Salle des Commissaires-prisseures solche Bilder auf Papier bereits
öffentlich aus – einen vollen Monat bevor Daguerre sein Verfahren
publizierte.
1.4 William Henry Fox Talbot (1800
– 1877)
W.H. Fox Talbot entstammte aus einer angesehenen
Familie und studierte in Cambridge. Er betätigte sich als Archäologe
und Philologe, trat in die Politik ein und wurde schließlich
Parlamentsmitglied. Sein Interesse aber gehörte der Mathematik, Chemie und
Physik. Besondere Forschungen über Licht brachten ihn zu der
Überlegung, die Camera obscura durch chemische Lichtaufzeichnungen zu
nützen.
Seit 1835 beschäftigte er sich mit der
Camera obscura und kam rasch zum Durchbruch. Er stellte mit lichtempfindlichem
Papier versehene, kleine Kameras rings um sein Haus auf. Sie zeigten
schließlich auf dem naß eingelegten Papier alle die
unterschiedlichen und dennoch objektiven Ansichten jeder Seite des Hauses. Bald
darauf entwickelte Talbot weitere Verbesserungen: 1841 erhielt er das Patent auf
empfindlicheren Papieren mit Belichtungszeiten von zwei bis drei Minuten,
"Kalotypie" (vom griechischen kalos = schön) genannt, wobei bereits durch
ein Transparentmachen des Negatives (indem man Wachspapier verwendete) eine
positive Kontaktkopie zu erzielen war. Die letzte Kopie bestand dann einfach
wieder aus Silberchloridpapier. 1844 erschien dann sein erstes mit Fotografien
versehenes Buch "The Pencil of Nature".
Das Entscheidende an der Erfindung Talbots waren
das Aufnehmen auf Papier, das Erzeugen eines Positivs nach dem entstandenen
Negativ und die damit gegebene Vervielfältigung.
1.4.1 Die
Kalotypie:
Ein
möglichst kornfreies Schreibpapier wurde mit einer Silbernitratlösung
überstrichen, getrocknet, dann in Jodkaliumlösung getaucht, worin es
zwei bis drei Minuten verblieb, in reinem Wasser gewaschen und dann erneut
getrocknet wurde. Unmittelbar vor Gebrauch überzog man dieses Papier
nochmals mit Silbernitrat, Gallussäure und Essigsäure, worauf es
entweder naß in der Kamera belichtet wurde oder auch zu weiterem Gebrauch
aufbewahrt werden konnte. Nach dem Exponieren strich man wieder Gallussäure
und Silbernitrat auf, bis die Entwicklung fertig war. Eine starke Lösung
von Bromkalium oder einem anderen löslichen Bromsalz vermochte
schließlich das Bad zu fixieren, worauf das Waschen den Vorgang
abschloß.
Der Nachteil gegenüber der Daguerreotypie
lag in den etwas rauhen und harten Wirkungen des Papierbildes. Dennoch erwies
sich die Kopierbarkeitk, die relative Einfachheit des Prozesses und die sich
bald erweisende geradezu unbegrenzte Verbesserungsfähigkeit des
Papier-Negativ-Verfahrens als eindeutige Wege in die Zukunft.
Die Daguerreotypie blieb das Medium der
professionellen Atelierfotografen; die Kalotypie, die man bald dem Erfinder zu
Ehren Talbottypie nannte, entfaltete sich zum Mittel des Amateurs, und ihre
Verbreitung vollzog sich vor allem über die Künstler, die darin das
geeignete Verfahren erkannten, ihre Ziele anzustreben.
2. Erste Leistungen der
Photokünstler
Daguerres Veröffentlichung von 1839 hatte
etwas erfüllt, was Generationen von Künstlern ersehnt haben
mögen: die Wirklichkeit vollkommen objektiv festhalten zu können. Es
gab aber auch Zweifel, ob dies etwas mit Kunst zu tun habe.
Der bedeutendste unter all den frühen
Fotografen war Gaspard Felix Tournachon (1820– 1910). Er stammte
aus Lyon. Zunächst studierte er Medizin, betätigte sich aber in Paris
als Journalist und Karikaturist – ab diesem Zeitpunkt nannte er sich nur
mehr Nadar. Er begann 1849 zu fotografieren. Sein 1853 eröffnetes
Fotostudio wurde bald zum Treffpunkt der Künstlerelite. Sein
unglückliches Abenteuer mit dem Ballon "Géant" brachten Nadar den
Ruin und beendeten auch seine große Zeit.
André Adolphe Eugène
Disdéri erfand kleine Visitenkartenportraits in voller Figur und in
Serie billig herzustellen. Dies wurde bald zur Mode und es herrschte ein
gesellschaftlicher Zwang, solche kleine Selbstportraits in reicher Zahl bei sich
zu tragen, sie auszutauschen und rasch wieder nachmachen zu lassen.
Disdéri hatte 1854 dafür ein Patent angemeldet: eine
Multiple-Kamera, die imstande war, mit einer ganzen Batterie von Optiken
gleichzeitig acht kleine Portraits auf eine Platte aufzunehmen.
Oscar Gustave Rejlander (1813-1875) wurde
in Schweden geboren. Er ging nach Rom, wo er vom Kopieren alter Meister lebte.
Später übersiedelte er dann nach England und begann dort als
Portraitmaler, wechselte aber bald zur Fotografie. Er war der erste, der das
Lichtbild im Sinne einer eigenständigen künstlerischen Leistung
verwendete, indem er Genreszenen arrangierte und diese dann fotografierte. Aber
dies war noch nicht alles. Er kombinierte die Abzüge verschiedener Negative
zu einem Bild, manipulierte also in einem schöpferischen Sinn Bildelemente
zu einem Ganzen, zu einem erfundenen neuen. Für sein berühmtes, 1857
entstandenes Werk "Two Ways of Life", einer Allegorie der Lebensvorgänge,
verwendete er nicht weniger als 30 Einzelaufnahmen, deren Negative er im
Zusammendruck arrangierte. Es sollte das erste fotografische Bild sein, das
öffentlich ausgestellt und den künstlerischen Anspruch zu erheben
vermochte. Aber trotzdem galt bei den Künstlern die Fotografie keineswegs
als Kunst, "denn die Kamera besitzt keine Seele und keinen
Geist".
Reise- und
Landschaftsfotografen
Nun begann man auch zu Reisen, fremde
Länder kennenzulernen – Expeditionen brachen auf. Die
berühmteste Expedition machten die Brüder Louis und Auguste
Bisson am 22. Juli 1861: Ihr Ziel war die fotografische Eroberung des
Montblanc. Sie wurden von den bekanntesten Bergführern geführt, hatten
eine Kolonne von 25 Trägern für die Apparate, Utensilien, Chemikalien
und Zelte zur Plattenbehandlung. Es gelangen ihnen drei meisterhafte Aufnahmen
vom Gipfel des über 4800 m hohen Montblanc.
Es eröffnete sich auch eine ganz andere
Aufgabe für die Fotografie: die berichtende Information. Die Konflikte und
kriegerischen Ereignisse um die Jahrhundertmitte und unmittelbar danach boten
reichste Gelegenheit dazu. Das berühmteste Beispiel dazu bietete der
englische Fotograf Roger Fenton (1819-1869). Er erhielt 1855 von Lord Panmure,
dem englischen Kriegsminister, den Auftrag zur Berichterstattung vom
russisch-türkischen Kriegsschauplatz auf der Krim. Er sollte das
Soldatenleben der englischen Truppen in ihren Lagern und Einrichtungen
festhalten. Fenton wurde zum ersten wirklichen Reporter. Ein Problem aber war,
daß durch die langen Belichtungszeiten die Aufnahmen gestellt
waren.
Julia Margaret Cameron
(1815-1879)
J.M. Cameron wurde in Kalkutta geboren. Seit
1818 lebte sie in Frankreich. Sie war Gattin eines Plantagenbesitzers und
einflußreichen Juristen und Mutter mehrerer Kinder. 1848 war sie nach
England gekommen und ausschließlich im Kreise der Familie tätig. 1863
bekam sie eine Kamera von ihren Kindern geschenkt, mit der sie Porträts zu
fotografieren begann. Zuerst fotografierte sie Personen ihres Bekanntenkreises,
bald berühmte Persönlichkeiten und später sogar einfache Menschen
von der Straße.
Sie öffnete die Blende zu starker
Unschärfe, beleuchtete nur partiell und ließ Bewegungen zu. Der
Ausdruck und das Antlitz als Spiegel der inneren Persönlichkeit war
für sie am wichtigsten. Damit war es ihr gelungen, die Aufzeichnung einer
Wirklichkeit zu schaffen. Zwischen 1865 und 1870 wurden ihre Arbeiten in
mehreren Ausstellungen in London gezeigt.
3. Die Fotografie als Hilfsmittel
der Maler
Für viele wurde die Verwendung der
Fotografie selbstverständlich, vor allem für die bedeutendsten
Künstler, wie Maler und Zeichner.
Jean Dominique Ingres (1780-1867) hatte sich
früh zu dem Hilfsmittel bekannt. Er verwendete auch Daguerrotypien von
Nadar, wie zum Beispiel die Aktstudie "Christine Roux" für das bekannte
Gemälde "Die Quelle".
Die Fotografie ersetzte für diese
Generation das Skizzenbuch. Viele Maler verwendeten fotografische Aufnahmen als
Grundlage für ihre Bilder, so tat dies Edouard Manet, Courbet oder Gaugin.
Auch Alphonse Mucher verwendete Fotografien für seine Plakate als
Grundlage.
4. Fotografien für alle
– Rollfilm und Pocket-Camera
Hannibal Willston Goodwin (1822-1900) war
Reverend einer im Staate New Jersey gelegenen Pfarrgemeinde. Er wollte seine
Vorträge mit Lichtbildern untermalen, und so begann er sich mit Fotografie
zu beschäftigen. Ein hervorragender Gedanke von ihm war, einen aufrollbaren
Film auf einem biegsamen und transparenten Bildträger herzustellen. Aber
wegen formaler Unklarheiten und textlicher Korrekturen kam es bei seinem Patent
zu mehrjährigen Verzögerungen. Goodwin verteidigte seine Idee bis zum
Tode.
George Eastman (1854-1932) zog aus dem
Rollfilm die Konsequenzen und konstruierte eine Kamera für jedermann,
welche durch massenhafte Herstellung auch für jeden erschwinglich wurde.
Eastman erfand 1887 als Firmennamen das Wort
"Kodak". Seine Kamera "Kodak-Box" kam 1888 auf den Markt. Es wurde eine kleine
Kamera, die an Handhabung keinerlei besondere Einstellung erforderte. Sie war
mit 100 Aufnahmen geladen, nach deren Belichtung alles komplett an die Firma
Eastman zu senden war, wo Entwicklung, Kopierung sowie die anschließende
Rücksendung durchgeführt wurden.
Kodak wuchs sich zum Industriegiganten aus, der
bis heute seinen Sitz in Rochester hat, sich aber inzwischen längst
über die gesamte Welt ausdehnt.
George Eastman erwies sich als einer der
fortschrittlichsten und intelligentesten Industrieunternehmer: Er setzte die
Arbeitszeit herab, führte Gesundheitskontrollen ein, förderte Bildung
und Gewinnbeteiligung seiner Arbeitnehmer und gab schließlich aus seinem
Gewinn kaum vorstellbare Geldsummen für Volksgesundheit, Kultur und
Wissenschaft aus.
Eastmans Lebenswerk, die Fotografie zum
Allgemeingut der Menschheit gemacht zu haben, ist ein historischer Wendepunkt in
der Geschichte der Fotografie.
5. Fotografie entdeckt die
Wahrheit hinter den Fassaden
Ab dem Jahre 1888 gab es einerseits die
professionellen Fotografen mit Ateliereinrichtungen und großformatigen
Plattenkameras und dann gab es unzählige "Knipser" mit Box-Kameras und
Rollfilmen, die begannen, Erinnerungsfotos zu schießen.
In dieser Zeit begann man auch, sich mit
wirklichkeitsnahen und dokumentarischen Schilderungen des Lebens der unteren und
untersten Gesellschaftsschichte zu beschäftigen. Mit Hilfe der Fotografie
konnte man Menschen, Szenen, Verhältnisse vorführen, zu denen sonst
kaum Kontakt bestehen würde. Eine einzige Fotografie kann mehr
erschüttern als Bände einer Sittenbeschreibung. Der Realismus der
Jahrhundertwende öffnet vielen auch die Augen: Bilddokumente
bestätigten nämlich das bisher nicht-für-möglich-gehaltene,
die Fotografie klagte an und forderte Veränderung.
Es gab keinen Platz mehr für die
romantisierende Stimmung der Kunstfotografie. Einige wollten kein Weichzeichnen
und keine durch Unschärfe erzeugten träumerischen verschleierten
Bilder. Man wollte optische Bildschärfe.
Der Däne Jakob Rijs begann in den USA mit
dokumentarischen Schilderungen über menschenunwürdige
Verhältnisse, unter denen die Einwanderer in New York
lebten.
Lewis Wickes Hine begann sachlich und klar
über Arbeits- und Lebensbedingungen der Fabrikarbeiter in amerikanischen
Vorstädten zu schildern. Seine Anklagen galten vor allem der Kinderarbeit
unter den unwürdigsten Verhältnissen in Fabriken, selbst in
Bergwerken, und es ist erwiesen, daß seine Dokumentation, die er selbst
"photo-interpretations" nannte, wesentlich zur Änderung dieser
Verhältnisse beitrugen.
Man sieht, daß die Fotografie immer
stärker ihre eigene kreative Fähigkeit, die Vielfalt der
Möglichkeiten und auch ihre Hintergründe zu entdecken
begann.
6. Die Entwicklung der
Farbfotografie vor dem 1. Weltkrieg
Die Geschichte der Farbfotografie ist
älter, als oft angenommen wird. Die erste Farbfotografie wurde 1861 unter
Anleitung von James Clerk-Maxwell mit Hilfe von drei schwarz-weißen
Teilaufnahmen geschaffen, die durch drei verschiedene Farbfilter fotografiert
waren. Ein anderer Versuch war der des Franzosen Louis Ducos du Hauron 1870, der
mit drei Teilaufnahmen, die er schließlich mit drei färbigen
Pigmentfolien auf einer weißen Unterlage zum Aufsichtsbild
übereinander montierte.
Die ersten kommerziell produzierten Materialien
für die Farbfotografie kamen jedoch erst in unserem Jahrhundert auf den
Markt. Es waren die sogenannten Autochrome-Platten, die von den Brüdern
Lumière ab 1907 in Lyon hergestellt wurden. Das Grundprinzip beruhte auf
einem feinen Raster aus durchsichtigen Partikeln
(Kartoffelstärke-Körner) in Violett, Rot und Grün, die das vom
Objekt reflektierte Licht passieren mußte, ehe es an die empfindliche
Schicht gelangte. Die Partikel wirkten wie kleine Farbfilter. Nach der
Umkehrentwicklung entstand dann hinter diesem Raster ein Diapositiv, das aus
kleinen schwarz-weißen Punkten zusammengesetzt war. Bei Projizieren oder
Betrachten dieser Platten sah man ein Bild aus sehr feinen farbigen Punkten.
Diese Farbaufnahmen konnte man sogar durch Farbdruck
reproduzieren.
Die Autochrome-Platten konnten sich jedoch nicht
durchsetzen. Sie waren sehr teuer und außerdem hatten sie eine geringe
Lichtempflindlichkeit.
7. "Die neue
Sachlichkeit"
Nach dem ersten Weltkrieg verlor die
Kunstfotografie immer mehr an Ausstrahlung. Man suchte nun die Betonung
fotografischer Schärfe. Dies wurde "Neue Sachlichkeit" genannt.
Die Fotografen, die sich der "Neuen
Sachlichkeit" zuwandten, konzentrierten sich in ihren Aufnahmen auf die
Schärfe der Realität, wodurch sie auch die interessante Vielfalt des
alltäglichen Lebens nicht mehr wahrnahmen und betonen konnten. Diese
künstlerische Auffassung von Fotografie zeigte sich besonders bei Albert
Renger-Patzsch. Er begann schon früh, sich für Fotografie zu
interessieren. Die Breite seiner Themen war groß und reicht von Pflanzen
und Tieren, modernen Architekturen und historischen Bauwerken bis zur
Fabrikanlage, Maschinen und Motoren.
Die "Neue Sachlichkeit" war auch in der
fotografischen Abbildung, die für die Werbung oder für anspruchsvolle
Firmenkataloge entstand, von großem Einfluß.
Karl Blossfeldt war Bildhauer und gelangte erst
später zur Fotografie. Für seine Lehrtätigkeit im Fach des
Planzenmodellierens an der Unterrichtsanstalt des Königlichen
Kunstgewerbe-Museums in Berlin stellte er zahlreiche Aufnahmen her, die
Blüten, Blätter und Samen in übernatürlicher
Vergrößerung zeigten. Die Details der hervorragenden Naturarchitektur
dienten nicht nur als ornamentale Vorlagen, die in abgewandelter Form
Gebäude oder Skulpturen schmücken konnten, sondern auch zum besseren
Verständnis der Pflanzen selbst.
Die Wirklichkeit in ihrer eigentlichen
Oberflächenstruktur gezeigt zu haben war die große Bedeutung der
neuen Sachlichkeit, was sie auch zu einer echten künstlerischen Richtung
machte.
8.
Fotomontage
Bei der Fotomontage handelt es sich um In- und
Übereinanderkopieren von Fotos. Bei anderen Montagen wurden
nachträglich Wolken in eine Landschaftsaufnahme einkopiert oder man malte
silhouettenhafte Bildpartien in das Foto hinein.
Der Fotograf war imstande, mit Hilfe der
Fotomontage, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen, um in den Bildern Ideen
auszudrücken.
Die Fotomontage konnte technisch in drei
verschiedenen Methoden erzielt werden:
- Das
einfachste Verfahren war eine Collagetechnik mit Hilfe von Schere und Klebstoff,
wobei die so hergestellte Montage schließlich noch abfotografiert und
dadurch beliebig vervielfältigt werden konnte.
- Einfach
war auch die Montage durch Mehrfachbelichtung auf dasselbe Bildfeld. Es
erforderte nur eine geübte Einschätzungsfähigkeit.
- Die
anspruchsvollste Methode bestand schließlich im Montieren von zwei oder
mehreren Negativen während des Vergrößerns, wobei diese
nacheinander auf dasselbe Positivpapier kopiert wurden. In der Schlußphase
nach der Positiventwicklung mußte der Fotograf meistens die
Übergänge zwischen einzelnen Bildpartien mit dem Abwäscher und
dem Pinsel nachbehandeln.
Wahrscheinlich war es Raoul Hausmann, der als
erster 1918 mit der Fotomontage begann. Er war zu dieser Methode während
eines Urlaubes auf Usedom durch ein primitives Tableau inspiriert worden, auf
dem Fotos von den Söhnen der Wirtin in Uniform zusammengeklebt waren.
Aufgrund dieser zufällig entdeckten Montage soll Hausmann mit der
Fotomontage als künstlerisches Gestaltungsprinzip begonnen
haben.
9. Weitere Entwicklungen der
Fotografie
9.1. Die
Kleinbildkamera
Nach der Jahrhundertwende versuchte man noch
kleinere Kameras herzustellen, da es einfacher war mit kleineren Kameras
umzugehen. Der Gedanke lag nahe, jene Filme zu benutzen, wie sie Eastman-Kodak
schon seit 1890 für Edisons Erfindung, den Kinemotographen, erzeugte. Auch
der Lauffilm, dessen Material Zelluloid war, bildete für die Handkamera
mehr Vorteile.
Oskar Barnack (1879 – 1936) machte eine
Mechanikerlehre bei der optischen Firma Carl Zeiss. Dort stellte man schon seit
1849 feinoptische Geräte, wie Mikroskope, her. Barnack fotografierte sehr
gerne die Natur, doch litt er unter den schweren Apparaturen. So begann er
nachzudenken, welche Möglichkeiten es mit kleinen Filmen gäbe. Er
nannte seine Idee "Kleines Negativ – Großes Bild".
Zunächst verdoppelte er das Negativformat,
indem er den Film in der Länge nutzte, und erfand die Formel 24 x 36 mm,
was dann Leica Format heißen sollte, und später zum weit
dominierenden Filmformat der ganzen Welt bis heute wurde. Die großartige
Kamerakonstruktion des Kleinbildapparats, schmal mit einschiebbarer Optik, war
im Jahr 1914 in zwei Prototypen fertig. Der Krieg unterbrach alle Pläne.
Erst 1923, ausgereift und mit Verbesserungen, stellte man die berühmte
erste Serie von 31 Leica-Apparaten her.
Bereits zur Frühjahrsmesse 1925 erschien
nun die neue Kleinbildkamera mit dem Namen "Leica".
9.2. Der vollkommene
Kleinbildfilm
Die Erfindung von Dr. Robert Koslowsky 1936 bei
Agfa, war die Lichtempfindlichkeit der Schicht des Filmes mittels einer
Goldverbindung zu steigern. Erst damit war die Überlegenheit der
Kleinbildfotografie vollständig geworden.
10. Die Entwicklung der
Farbfotografie im 20. Jahrhundert
Erst nach 1918 konnte an der Entwicklung der
Farbfotografie weitergearbeitet werden. Die Firma Agfa stellte bald auf
ähnlicher Kornrasterbasis Farbplatten her, wie dies schon die Brüder
Lumière taten. Doch die Firma Agfa tat dies nicht mit
Stärkekörner, sondern mit mikroskopischen, gleichmäßigen
Farbtröpfen. Auch Kodak beschäftigte sich mit der Farbfotografie. Die
beiden Weltunternehmen waren mit großer Kraft an der Fortentwicklung
tätig.
1935 war der "Kodachrome"-Film fertig, der in
drei Schichten das Farbbild erzeugte. Im Herbst 1938 waren dann noch
Verbesserungen eingearbeitet worden, doch blieb dieses Material von da an im
Prinzip bis heute gleich.
Agfa setzte 1934 mit der Forschung ein und
binnen zweier Jahre schufen sie das Produkt "Agfacolor", das im November 1936 so
gut wie gleichzeitig mit Kodak erschien. Die Ära des Farbpositivs hatte
auch hier begonnen, doch die Zukunft lag im Papierbild. Leverkusen und Rochester
arbeiteten sehr hart an dem dafür erforderlichen Farbnegativfilm, bei
dessen Belichtung ein komplementärfarbiges Filmbild (Negativ) entsteht, das
auf Farbpapier zum positiven Bild umkopiert werden kann.
Agfa war 1939 damit fertig. Allerdings konnte
die Produktion zunächst nicht anlaufen, so daß erst 1941 wirklich
Ergebnisse an die Öffentlichkeit gelangten. Kodak erzeugte seit 1940 seinen
Farbnegativfilm, der nach dem Krieg zu immer größerer Perfektion
gebracht wurde.
Der Schritt zur Farbfotografie war einer der
ganz großen in der Geschichte der Menschen.
11. Fotoreportage und
Bildjournalismus
Es trat eine neue Kategorie auf, die Faszination
des "Objektives": Die Aufnahme sagt die Wahrheit, sie sagt, wie es wirklich war,
wie ein Ereignis echt verlief, sie war also ein Dokument, ein unbestechlicher
Beweis. Auf der Aufschrift einer Wandtafel im Fotomuseum heißt es:
"Fotografie ist unser Fenster zur Welt".
Die Fotoreportage hatte in den Zwanziger Jahren
voll eingesetzt. Mit der Fotografie wurde es anders. Was fesselte war die
Aktualität. Die nun geübten neuen Bildrasterverfahren und
Rotationspressen der Zeitungen ermöglichten die sofortige aktuelle
Wiedergabe im Druck.
Bilder vermögen zu Sensationen zu werden.
Der Bildreporter hat dafür zu sorgen, daß Sensationen zu Bilder
werden. Fotoreportage war ein Anfang: Ein Text, der ausführliche
Informationen gab, wird zu seiner Intensivierung von einem Foto begleitet. Nicht
allzulange sollte es allerdings dauern, bis sich dies zum Bildbericht
ausweitete. Bilder oftmals in ganzer Folge geben die Informationen, der
begleitende Text wird auf einen knappen Kommentar beschränkt. Das war der
Aufstieg der illustrierten Zeitung.
Fotoreporter als Sensationssucher gerieten unter
Erfolgszwang: die Konkurrenz steigerte sich. Leserzahlen vervielfachten sich
durch hervorragende Bildberichte. So entwickelte sich die Fotografie zu einem
gewaltigen wirtschaftlichen Element. Der Berichterstatter, Bildreporter, gewann
eine Position, er wurde zu einer Instanz.
1936 erschien in New York eine
Wochenzeitschrift, die mit dem Titel "Life" schon ein Programm ausdrückte,
hieß das Ziel "To see life – to see the world". Bis Dezember 1972
sollte sie die dominierende Zeitschrift der Welt bleiben. Die Welt nicht nur
sehen, sondern erleben lassen, das war es, was dem unvergleichbaren Team von
Meisterfotografen zum Ziel geworden war. Man verstand die Fotografen von "Life"
als Frontsoldaten und als Stars, deren Ziel nichts anderes war als Bilder. Das
Life Archiv bestand aus 18 Millionen Fotos.
Livefotografie, das bedeutete zunächst
Reportage, geistesgegenwärtigen Zugriff auf das Geschehen. Das wohl
berühmteste – und auch erschütterndste – Beispiel stammte
von Sam Shere, der 1937 statt des erwünschten Bildberichtes über die
Ankunft des stolzen Luftschiffes Hindenburg auf dem Flugfeld, den
fürchterlichen Augenblick der Explosion festhielt und ihn damit zu einem
historischen Bilddokument machte.
Viele Livereporter machten Fotos auf dem
Schlachtfeld während des Krieges, viele verloren dabei ihr Leben.
Kriegsbilder wurden zu den furchtbarsten Dokumenten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann man
außer aktuellen Berichten auch ungewöhnliche Reportagen über
alltägliche Themen zu veröffentlichen. Schon damals machte man die bis
heute geltende Erfahrung, daß Fotos besonderer Ereignisse, z.B. einer
königlichen Hochzeit, viel attraktiver für eine Zeitschrift sind als
Themen aus dem Alltagsleben.
Sportreportage und
Sportfotografie
Der Sport eignete sich gut für
Fotoreportagen. Nicht nur das wachsende Interesse einer sportlich gewordenen
Generation der Dreißiger Jahre, sondern auch die öffentliche
Anteilnahme breiter Schichten, förderten die Berichterstattung durch die
gleichzeitig aufkommenden illustrierten Zeitungen.
Der Sport zeigt eine Bewegungsvielfalt junger
Menschen besonderer Art, dazu die Dramatik in der kämpferischen Begegnung,
Spannung, Konzentration und Körperbeherrschung. Auch das hat der
Livefotografie seit jeher reizvolle Aufgaben gestellt. Die Kunst des besonderen
Augenblicks konnte in solchen Abläufen Höhepunkte
finden.
Es gab in der Technik wichtige Entwicklungen
für diese Art von Fotografie: der bewegliche Kleinbildapparat, die lange
Brennweite, die höchste Filmempfindlichkeit für extrem kurze Zeiten
und schließlich den Elektroblitz. Dieser Apparat war aber nur Mittel zum
Zweck, denn erst durch die Hand des intuitiv eingreifenden Fotografen gelingt
mit dem Gerät die Aufnahme, die auch fasziniert.
Man begann schon mit der Möglichkeit,
Momentaufnahmen zu machen, sportliche Bewegungsbilder herzustellen. Die
frühen Dokumente aus dem 19. Jahrhundert wirken heute kurios und doch
handelt es sich dabei um einen ungemein wichtigen Schritt – für den
Sport, für das Erkennen von Bewegungsabläufen und schließlich
für den daraus abgeleiteten Laufbildfilm.
Früher machte man Bewegungsbilder in
Phasenserien. Anhand dieser Bilder konnte man den optimalen Augenblick erkennen.
In jedem Ablauf gibt es nur einen Bruchteil, der optimal ist. Dies muß ein
Sportfotograf beherrschen. Jede Bewegung besitzt einen Anlauf, einen
Höhepunkt und einen Auslauf. Es geht um diesen Höhepunkt, der
entscheidende Wendepunkt, der im Bruchteil der Sekunde eine Aufhebung der
Kräfte, völlig entspannte Ruhe zeigt – er ist der klassische
Punkt, um Schönheit der Bewegung einzufangen. Demgegenüber steht das
andere Ziel, Bewegung, Dramatik im Augenblick der höchsten Kraftanstrengung
zu zeigen.
Die Meisterschaft des Sportfotografen besteht
darin, den Moment des Höhepunktes oder den der größten
Kraftanstrengung festzuhalten. Im Vorteil sind Fotografen, die selbst aktiv
Sport betrieben haben, und Bewegungsabläufe in ihrem Rhythmus geradezu
intuitiv folgen können.
12. Entwicklung der
Modefotografie und Studioaufnahmen
Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer
Änderung in Sachen Mode. Der "up-to-date-Look" war nicht mehr auf
höhere Gesellschaftsschichten beschränkt. Die neuen Möglichkeiten
des modischen Aussehens, an denen nun auch breite Bevölkerungsschichten
teilnehmen konnten, schufen ideale Voraussetzungen für ein Aufblühen
der Modejournale.
Ausgangspunkt war in den ersten Nachkriegsjahren
der Entwurf, möglichst die edlen Züge des Antlitzes und die
Schönheit der Figur zu verdeutlichen, war Irving Penn besonders meisterhaft
beherrschte.
Mit steigendem Wohlstand wurde in vielen
Ländern mehrere Modezeitschriften gleichzeitig neu ins Leben gerufen. In
gegenseitiger Konkurrenz bemühten sich die einzelnen Redaktionen oft, ihre
Publikation gerade durch einfallsreiche Bildmaterialien attraktiv zu gestalten.
Dadurch entstanden sehr günstige Ausgangsbedingungen für eine Anzahl
begabter Fotografen, die einen großen Teil ihres Schaffens dieser Thematik
widmen konnten. Bekannteste waren Richard Avedon, David Bailey, Stephen D.
Colhoun, Frank Horvat, Horst P. Horst, Karol Kàllay, Charlotte March,
Regina Relang und Oliviero Toscani.
Die Schönheit der Frauen war auch für
verschiedene Werbezwecke stets ein wichtiger Bestandteil der Fotografie. Aber
nicht nur ein attraktives Model, sondern auch die schöpferische Phantasie
der Fotografen waren dafür wesentliche Voraussetzungen.
Um gleichzeitig die höchste technische
Qualität, was besonders in der Farbfotografie höchst schwierig war, zu
gewährleisten, erreichte die Ausstattung des Fotoateliers beinahe das
Niveau kleinerer Filmstudios. Später wurden auch transportable
Beleuchtungsaggregate entwickelt, die man mit an den ausgewählten
Aufnahmeort nehmen konnte.
Mit der Zeit entwickelte sich die spezielle
regiebetonte Arbeit im Atelier. Der Fotograf konnte Szenen in seinem Atelier
individuell gestalten und hatte dort auch günstigere
Bedingungen.
13. Entwicklung der
Aktfotografie
Die Aktfotografie ist in der modernen Fotografie
sehr beliebt.
Der Akt verbreitete sich dank der hohen
Nachfrage so sehr , daß eine Flut solcher Bilder auf den Markt kam.
Außer den großen Meistern, die immer fähig waren, ihre eigenen
Ergebnisse um neue originelle Einfälle zu bereichern, versuchten bald auch
viele zweitklassige Fotografen ihr Glück auf diesem Gebiet, wobei sie
meistens die bereits vorhanden Vorbilder in vielen Varianten kopierten. Die
Modelle dieser Fotografen offenbarten ihre mangelnde Begabung in
künstlichen Posen, bei denen sie mit einem fast stolzen Exhibitionismus
ihren schönen Körper zur Schau stellten. Es gab Möglichkeiten ein
nacktes Modell in einem Umraum zu fotografieren, in dem sich die Nacktheit als
natürlich ausnimmt. So ist die Morgentoilette am Fenster sicher frei von
gekünstelter Pose. Die Suche nach natürlichen Beziehungen zwischen
Modell und Naturraum nutzten gelegentlich auch große Meister wie
Jósef Nemeth, um den weiblichen Körper frei von
Stilisierungseffekten in zwangloser Schönheit darzustellen.
Die Tendenz einer natürlichen
Präsentation des nackten Menschen kann sogar zu einer Art Reportagefilm
führen. Chris Steele-Perkins fotografierte eine englische Knabenschulklasse
bei einer Schwimmstunde.
Jean-Phillipe Charbonnier bringt die
Individualität eines Mädchens voll zum Ausdruck und zeigt ein tiefes
Einfühlungsvermögen in die Psyche seines Modells.
Die Aktfotos dienten oft als Materialien
für Fotomontagen. Wobei ihr Verwendungszweck sehr verschiedenartig sein
konnte. Zdenek Virt fertigt eine Sandwich-Montage aus der Aktaufnahme eines
Paares und einem Foto von Ölschlieren auf einer Wasserfläche, wodurch
die ursprüngliche erotische Wirkung des Aktes gemildert
wird.
Grundsätzlich kann man feststellen,
daß die Aktfotografie stets die temporär wechselnden
Geschmacksrichtungen widerspiegelt. Wo früher das wohlproportionierte
Glamourgirl gefragt war, sucht heute im Zuge von modischen Unisex im Jeansanzug
die knabenhafte Mädchenfigur, die durch geschicktes posieren noch besonders
unterstrichen wird.
14. Entwicklung der
Porträtfotografie
Für viele Fotografien war das zeitbedingte
Schönheitsideal ganz unwichtig, denn die fotografische Aufgabe richtet sich
auf die Darstellung des psychischen Hintergrundes der äußeren
Erscheinung. Für ein solches Porträt mußte der Fotograf sehr
viel über die abzulichtende Person wissen, denn nur ein Erfassen der
profilprägenden Eigenschaften konnte zu einer psychologisierenden
Proträtstudie führen. In Anbetracht der großen Differenziertheit
in der Persönlichkeitsstruktur mußte fast für jede Person eine
andere Lösung dieser Aufgabe gefunden werden. Die berühmtesten
Beispiele gelungener Porträtfotografie besaßen die günstige
Voraussetzung, daß der Fotograf die porträtierte Person entweder gut
kannte oder zumindest deren geistiges Tun gründlich studieren konnte.
Wichtig war ebenso eine positive Einstellung des Fotografen zur Tätigkeit
seines Modells; und er mußte neben den Fähigkeiten eines guten
Psychologen und großen Menschenkenner sein. Der Fotograf muß einen
derartigen Kontakt zur fotografierten Person finden, daß sie sich
natürlich verhält und sich auch wirklich selbst darstellt.
Eine ganz andere psychologische Wirkung geht von
dem Porträt aus, das der Fotograf Richard Avedon von seinem kranken Vater
schuf. Auf diesem Bild wird ein alter, gebrochener Mann gezeigt, in dessen Augen
sich die ganze Geschichte seines Lebens spiegelt. Avedon stellt in dieser
nüchternen Darstellung mit großer Intensität die
Persönlichkeit des Vaters dar, den er nicht nur liebt, sondern auch bis ins
tiefste Innere kennt.
In der Entwicklung der psychologischen
Porträts äußerte sich zunehmend das Bestreben, die fotografierte
Person in eine für sie typische Umgebung einzugliedern. Eine solche
Lösung bot ziemlich große Möglichkeiten zur Stilisierung, die
jeder Fotograf gemäß seiner schöpferischen Handschrift in
für sich typischer Weise ausnutze.
Die Ausnutzung der charakteristischen Umgebung
steht einer weiteren, für die moderne Fotografie grundlegenden Auffassung
sehr nahe, nämlich dem Porträt mit Symbolen. Im Unterschied zum
psychologischen Porträt wird bei diesem Bildtyp nicht die ganze Wirkung auf
dem Ausdruck des Gesichts aufgebaut, sondern einen großen Teil der Aussage
beanspruchen die auffälligen Symbole. Oft nimmt nur das Gesicht selbst auf
dem Foto nur wenig Raum ein , um den symbolhaften Elementen mehr Platz
bereitzustellen.
Die Fotoreporter nutzten für das
jounalistische Porträt zumeist Elemente der psychologischen Auffassung wie
auch die symbolische Bildersprache, wobei sie oft noch besondere dynamische
Wirkungen hinzufügten. Am häufigsten geschieht dies durch Abbildung
der Person in Aktion, was die Lebendigkeit des Fotos wesentlich
steigert.
15.
Pop-Art
Die schöpferische Fotografie reagiert noch
weit mehr als die meisten anderen Künste auf Zeitströmungen. Aber auch
manche Auswirkungen aus anderen Künsten hatten Einfluß auf die
Fotografie gewonnen. So erwies sich die Pop-Art derart stilbildend, daß
auch die kreative Fotografie dazu überging.
Der Begriff Pop-Art leitet sich von "popular
Art" ab, was nicht mit Volkskunst, auch nicht mit volkstümlicher Kunst zu
tun hat, sondern auf jene damals neuartige Aussage hinweist, die mit Elementen
aus dem täglichen Umgang – mit Werbegrafik, Plakaten,
Verkehrszeichen,... – verfremdete Wirkungen erzielte. Diese Zeit galt als
Protest gegen eine absurd empfundene Konsumwelt, Protest gegen Massenproduktion
und damit begann eine Welle der Auflehnung.
Die Pop-Art ist durch zweierlei charakterisiert:
einerseits durch die Romantisierung der Banalität und andererseits durch
die Kritik an der Konsumwelt.
Typisch war für die Pop-Gestaltung das
Prinzip der Wiederholung in Gestalt des Mehrfachbildes, wobei die
Pop-Künstler, wie Andy Warhol, oft mehrmals ein und dieselbe Fotografie
benutzten, auf der ein Star aus Film oder massenmedialer Information abgebildet
war.
Die Pop-Art-Szene ging darüber hinaus noch
viel weiter: Plakatwände, Schaufenster, verschandelte
Straßenzüge, alles vermochte zum fotografischen Thema zu werden. Ein
weiterer Schritt zeigte sich in der fotografischen Pop-Art-Montage. Dabei ging
es immer um magische Gegenstände der Industriewelt, vom Autozubehör
bis zur Schönheitskönigin, von der Wohnungsausstattung bis zur
Bierdose.
Les Krims übertrug das Pop-Prinzip der
Parodie auf die Aktfotografie; für ihn war die Aufnahme eines Pin up Girls
schon längst abgedroschen. So stellte er ein nacktes Mädchen –
mit einem Micky-Maus-Kopf versehen – in ziemlich übertrieben
posierender Haltung vor eine Wand, an der sich mehrmals dieses Bildelement aus
Comic Strips für Kinder wiederholt.
Die Verbreitung der Pop-Art führte zur
künstlichen Würdigung eines guten Lichtbildes und zur verbreitenden
Anerkennung der Fotografie als Kunstmedium.
16.
Op-Art
Die Op-Art ist eigentlich eine besondere
Variante der abstrakten geometrischen Malerei, und sie beruht auf speziellen
musterartigen Kompositionen die bei längerem Betrachten eine scheinbare
Bewegung zu geben vermag.
Der beliebteste Weg zu einem Op-Art Stil in der
Fotografie beruhte auf der Sandwich-Montage (zwei Negative werden aufeinander
gelegt und zusammen vergrößert).
17. Was ist Fotografie
heute?
Was alles Fotografie zu leisten imstande ist,
laßt sich kaum kurz aufzählen und zusammenfassen. Das Museum of
Photography in Bradford nennt auf einer überdimensionalen
Schautafel:
Fotografie ist...
...ein Abbild
...eine Erinnerung
...eine Selbstaussage
...Industrie
...Kunst
...ein Bericht
...Abenteuer
...Geschichte
...Rückschau
...Wissenschaft
heutzutage kommt es zu einer kaum noch
vorstellbaren Zahl der Bildproduktion der gesamten Welt.
Die Anwendungsmöglichkeiten der Fotografie
erstrecken sich über die gesamte Skala menschlicher Bedürfnisse. Dies
ist sowohl im praktischen als auch im emotionalen Bereich.
Amateurfotografen sind im wahrsten Sinn des
Wortes jene, die, hervorragend ausgestattet, begeistert ihre Motive suchen und
sie mit gestaltendem Blick und beträchtlichem technischen Können zu
Bildern formen. Hier erfüllt die Fotografie heute wohl eine ihrer
stärksten gesellschaftsbezogenen Möglichkeiten. Heute bringen bereits
hunderttausende künstlerisch hervorragende Leistungen als Amateure
zustande. Sie finden, im besten Sinne des Begriffs Hobby, eine Art der
Selbstverwirklichung und der inneren Bereicherung.
Nicht nur durch die Spitzenprodukte der
Kameratechnik und der Ausstattung, sondern auch durch die vermehrte Freizeit und
durch das große Angebot an Fernreisen wird dem Amateur viele
Möglichkeiten geboten, Die Motivsuche mit offenen Augen in unserer Welt, in
der Natur mit ihren Bergen, Küsten Bauwerken, die Entdeckung von
Bäumen, Pflanzen, Blüten der Tierwelt – alles das wurde für
den Amateur, mit Hilfe der Kamera, zu einem wesentlichen Teil seiner
Persönlichkeit.
Fotografie hat Wahrheit in die Welt gebracht.
Dadurch nämlich, daß fotografieren und Fotografien betrachten sehen
lehrt, mit offenen Augen der Welt gegenübertrete, ihre Schönheit
suchen, ihre Geheimnisse finden und wahrnehmen läßt was sichtbar
ist.
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